Irische Musik lernen - wer spielen will, muss hören

You know, there’s an awful lot to be said about this Irish traditional folk music and folklore. Because – first of all, you have to learn it. And first you must learn the talk. And then you must learn the grip. And after that, you must learn the truckley-how. And then you have the whole lot, only just to keep on practicing it. Seamus Ennis

Teil eins einer Serie (so der Plan): Irische Musik lernen. Als Erwachsener. Außerhalb Irlands. Ob mit oder ohne Notenkenntnis, mit oder ohne Vorbildung auf dem Instrument und relativ egal, auf welchem Instrument man spielen will: Man kann das nicht von jetzt auf gleich. Erwachsene gehen viel verkopfter an die Sache ran als Kinder. Und viel ungeduldiger. „Ach, hätte ich doch als Kind… wäre ich nur damit aufgewachsen …“
Hätte, hätte Fahrradkette. Ist halt nicht.
Das fand ich schon damals schwer zu akzeptieren, als ich vor 30 Jahren mit Whistle angefangen habe. Später - quasi neulich - habe ich mit Concertina angefangen. Alles noch mal neu, aber mit etwas mehr Verständnis für den Weg. Und mit der Erkentniss, dass einige gute Ratschläge wirklich gut waren. Um die soll es hier gehen. Irish Concertina

Unter anderem um:

  • Hören - den Groove vor allem
  • Entspannen - verkrampft klingt auch so
  • Tunes lernen nach Gehör (nicht nur) und Zusammenspiel
  • Online Ressourcen und Technik nutzen

Die Tipps und Tricks dazu gibt es mit voller Absicht in diesem doch recht altmodischen Format. Geschriebenes Wort, Analyse, Logik, linke Hirnhälfte … Wenn man schon verkopft rangeht, kann man das auch nutzen. Und sich einen Fahrplan erstellen, damit die Ungeduld gleich mal weiß, woran sie ist!

Wie dieser Fahrplan konkret aussieht, muss man selber erarbeiten. Ein Lehrer hilft da natürlich ungemein - vor allem was Feedback dazu angeht, ob man bestimmte Sachen „hat“ oder ob man weiter an der Basis arbeiten muss. Als richtiger Autodidakt wird man mit zunehmendem Verständnis den Fahrplan öfter umwerfen und Schritte zurückgehen. Der Fahrplan hat dummerweise keine voraussichtliche Ankunftszeit … 10.000 Übungsstunden bis zur Expertise - das haben kluge Leute mal rausgefunden.
Wenn man jeden Tag 8h übt, ist man also nach so 3,5 Jahren da. Wo auch immer das ist. Mit ner Stunde pro Woche nach 192 Jahren. Aber so funktioniert das nicht!
Jeden Tag 8h Stunden schiefe Töne qietschen macht einen höchstens zum Experten im schiefe-Töne-Quietschen. Alle Jubeljahre mal das Instrument rausholen legt keine Basis, auf der man aufbauen kann. Aber trotzdem ist das mit den 10.000 Stunden eine hilfreiche Information, auch wenn man gar nicht bis zur Expertise will: Es ist kein Kurztrip! Die Fähigkeiten, die man braucht, bauen aufeinander auf und einiges muss sich erstmal „setzen“ im Gehirn. Das Gehirn von Musikern wird nämlich umgebaut! Da bringt es gar nix, die Stunden am Stück abzureißen! Das ist wie im Leistungssport. Pausen sind wichtig! Und immer mal kurz ist nicht nur besser als nix, sondern auch besser als zuviel auf einmal.
Tipp Nr.1 daher: Instrument griffbereit!
Ne billige Whistle im Auto für den Stau.
Eine Kunststoff- (Delrin-) Flute, die man nicht jedesmal putzen muss, zusammengesteckt liegen haben. Und jedesmal, wenn man dran vorbeigeht und ne Minute Zeit hat: Sattes, zwei Oktaven auf einmal, Nebelhorn bottom D spielen! Volle Granate, gib ihm! Nichts trainiert den Ansatz für Flute so gut wie „Nebelhorn spielen“!
Im Homeoffice auf den Beginn des Meetings warten? Da reicht die Zeit vielleicht nicht, die Mandoline zu stimmen und nen Tune zu üben, aber wenn sie da liegt, kann man sich die Zeit vertreiben und DUD DUD picking für Jigs auf einer Saite üben. Einfach mal SPIELEN. Tin Whislte

Wer spielen will, muss hören
Üblicherweise will man die Musik ja spielen lernen, weil man sie irgendwo gehört hat und toll fand. Schritt eins beim Hören ist somit: Irische Musik erkennen. Das ist quasi identisch mit: Das klingt ja alles gleich!
Wenn man sich wirklich reinhört, wird (irische) Musik wie ein Wimmelbild. Man hört immer mehr! Das Wichtigste ist der Rhythmus. Der Swing, Groove, Lift, Lilt, Nyah … Wenn man den hört, ist man schon ein ganzes Stück auf dem richtigen Weg! Als Anfänger denkt man, man müsste Verzierungen lernen und schnell spielen. DAS hat man nämlich gehört: Dass da viel verziert wird und das alles unglaublich schnell und fetzig ist! Und wenn man selber nicht so fetzig klingt, muss man halt schneller spielen. Ein Trugschluss! Mach's schlicht und langsam und groovig! Das ist das Fundament!
Es gibt Musikprofis, die anscheinend auch nur hören, dass es irgendwie schnell und fetzig ist. Eine wirklich solide klassische Ausbildung kann einem da auch im Weg stehen. André Rieu spielt Irish Washerwoman. Die Töne stimmen. Er kann das in jedem beliebigen Tempo. Der ist ein Vollprofi. Ich bin sicher, der kann spielen, was immer er will. Wenn er den Tune SO spielt, dann… hört er es nicht? Ist es ihm egal? Denkt er, die nicht klassisch ausgebildeten irischen Musiker machen das falsch und er zeigt mal, wie es geht? Das Publikum will das so?
DAS kann gut sein. Das Publikum hat sich da nämlich auch nicht reingehört und der Entertainer auf der Bühne spielt für's Publikum. Auch wirklich gute, wirklich traditionelle irische Musiker spielen im Bühnenprogramm öfter mal mit anderen Genres, Rhythmen und abgefahrenen Ideen. Aber da stimmt die Basis und die irischen Tunes sind keine Karikatur.

Als Beispiel hier mal ein Video, in dem ein Banjo Tutor den Unterschied zwischen „kein Swing“ und „Banjo Swing“ sehr plaktativ demonstriert. (Zu 3:15 springen. Da macht er den Vergleich. Im Menü unter ‚Swing vs Banjo‘.)
We don't want to be THAT guy!

Ich finde das Video da sehr gut. Gerade weil er es so plakativ macht. Und weil die „Lösung“ kein Hexenwerk ist.
Manche Instrumente haben mehr Möglichkeiten als andere. Fiddle und Flute beispielsweise können viel mit der Lautstärke spielen und mit dem Klang. Auf einzelnen Tönen oder ganzen Phrasen. Die Tin Whistle kann das nicht ganz so, aber man kann auch auf einer Whistle den Tunes Leben einhauchen. Mit Verzierungen kann man einzelnen Tönen einen unterschiedlichen „attack“ geben. (Die Wissenschaft hat festgestellt: Es ist vor allem der Anfang eines Tons und zu einem geringeren Anteil das Ende, an dem wir Instrumente erkennen. Die den Charakter ausmachen. Und gerade den Anfang kann man ganz verschieden gestalten und so die Aufmerksamkeit auf den Ton lenken.)
Mit den Stellen, an denen man Luft holt, kann man auch Rhythmus reinbringen. Einige Flute- und Whistle-Spieler setzen das sehr effektiv ein. Andere Instrumente imitieren das manchmal, weil es so cool klingt. Ein schönes Beispiel für „Luft holen als Effekt“ ist auf der CD von Jack und Jimmy Coen - Irish Traditional Music on Flute and Guitar. Jack Coen war da kein junger Mann mehr, aber so alt war er auch nicht, dass er beim allerersten Tune auf der CD nach dem vierten Ton (der ersten EINS) schon Luft holen muss. Dadiddel-Dumm –(Luft)– da weiß man gleich, wo se ist, die EINS.

Also: Hören! Und weil unser Erwachsenengehirn gerne analysieren mag (einige mehr, andere weniger) mal drauf achten, WIE die Musiker Betonungen machen, wo Luft geholt wird bei Flute und Whistle (Kevin Crawford beispielsweise atmet eher heimlich. Worunter sein Groove nun wirklich nicht leidet!) Ich finde da ne Playlist bei Youtube ganz praktisch mit verschiedenen Aufnahmen desselben Tunes. (Je weniger Instrumente, desto besser. Wenn man im Kopf erstmal Fiddle von Whistle von Gitarre von Bodhrán trennen muss, macht man es sich schwerer.)
Welche Aufnahme klingt hektisch / entspannt / energiegeladen? Warum? Manchmal hört man das besser, wenn man die Aufnahme langsamer macht. (Bei Youtube ganz einfach über das Zahnradsymbol). Manchmal kann man benennen, was man hört. Den Effekt und manchmal auch die Ursache. Man kann beispielsweise vor dem Beat spielen oder auf dem Beat oder dahinter und dadurch klingt die Musik energiegeladener oder entspannter. Irische Musik wird meist vor dem Beat gespielt. Das ist für Rhythmusinstrumente total wichtig! Wenn ich geradeaus 1&2&3&4& spiele - ohne Swing und ohne Verständnis dafür, was die Melodieinstrumente machen, dann störe ich. Wenn ich mich nur an den Tönen „vor dem Beat“ orientiere, bin ich bei den anderen Tönen davor und treibe. Spiele ich geradeaus auf den „anderen Tönen“, dann bremse ich und die Melodiespieler haben das Gefühl, sie würden einen schweren Schlitten durchs Wattenmeer ziehen.

Was man sich auch anhören sollte: Das eigene Spielen. Nicht nur auf die Mechanik achten (welche Finger wohin, Plektrum/Bogen rauf oder runter, etc.) sondern sich selber genau zuhören. Kann man jeden Ton wirklich schön spielen? Das ist auf Flute und Fiddle schwerer als auf Concertina. Umso wichtiger, das zu üben. Ohr und Finger/Hände bzw. Lippen brauchen Feedback. Was ist ein schöner Ton? Wie geht ein zarter/ brüllender/ zwitschernder/ bellender Ton?
Überhaupt einen Ton machen zu können, kommt ganz am Anfang. Da hat man bei Fiddle, Flute und Pipes schon ne ganze Weile zu tun. Und dann sollen die auch noch schön werden! Danach kommen dann verschiedene Töne hintereinander und die Fähigkeit, die zu erkennen und gezielt abzurufen - nach ihrem Klang: „Wenn ich SO mache, klingt das SO!" Einfach mal rauf und runter und kreuz und quer irgendwelche Töne spielen. Oft erinnert einen eine Sequenz an ein Lied. Kinderlied, Weihnachtslied, die Hobbitmelodie … Mit etwas Probieren findet man mehr davon und schon kann man „nach Gehör spielen“!
Welche Klangfarbe haben die einzelnen Töne? Bei irischer Flute klingen mindestens zwei Töne ganz eindeutig! Das bottom D und das E bei einer D Flute. Auch bei Pipes sind D und E verschieden. Das liegt an den Obertönen, die mitspielen. Wenn man das nur ein wenig im Ohr hat, hilft das beim Tunes raushören. Einer von den tieferen Tönen? Wenn er eher pupsig klingt, ist es vermutlich ein E. Wenn er richtig voll und satt klingt, ein D. G ist einfach nur schön. Und F# cool! Bei Fiddle hört man auch Unterschiede. Bei manchen Tönen schwingen benachbarte, nicht gegriffene Saiten aus lauter Sympathie mit. Wenn nach einer leeren Saite ein Ton auf einer Nachbarsaite gespielt wird, schwingt die leere Saite weiter. Wird der nächste Ton auf derselben Saite gegriffen, schwingt sie natürlich nicht in der „Leer-Frequenz“ weiter.
Das MUSS man alles nicht hören und erst recht nicht analysieren, aber man kann viel entdecken und mit einfachen Tonfolgen ne Menge Spaß haben!
Anderes ist wichtiger: Spielt man das Instrument „in sich in tune“? (Dazu kann man sich z.B. einen langen Grundton aufnehmen und darauf eine Tonleiter oder Intervalle spielen. Das schult auch, sich selbst mit anderen in Einklang zu bringen und ALLEN zuzuhören).
Generell gut: Sich aufnehmen. Und dem inneren Kritiker den Mund verbieten! Der hat nix zu melden! Der innere Mentor schon! Hat man einen guten Groove? Wenn nicht, was könnte man probieren? Sind es einzelne Passagen? Verzierungen? Auch interessant, sich selber langsamer und auch schneller machen! Dazu gibt es Apps wie ‚Music Speed Changer‘.

Ein grundsolider Rhythmus ist mehr als die halbe Miete! Guter Rhythmus und guter Ton sind quasi die komplette Warmmiete und die Tapeten sind da auch schon an der Wand …

Eine kleine Einführung in die verschiedenen Tunetypen und was die Rhythmen ausmacht, gibt es hier:

Wo man sich definitiv auch reinhören muss, sind die Aufnahmen der alten Helden. Piper vor allem. Also man MUSS sich da nicht reinhören, aber wenn man da reinhört, klingt es für viele erstmal schief und hektisch. Easy Listening ist anders!
Johnny Dorans Musik zum Beispiel klang für mich ganz anders, nachdem ich eine Doku über ihn gesehen habe. Deshalb gibt es hier noch einen Hör- und Sehtipp: Dokus über die alten Helden gucken! Eine verlinke ich hier mal, weil den Namen die meisten schon gehört haben:

Veröffentlicht von Irina - Januar 2, 2024
Kategorie: Tipps-und-Tricks