Irische Musik lernen - Verzierungen: mehr als nur Dekoration

No amount of technical prowess can compensate for an absence of soulfulness. Martin Hayes

Wenn man die ersten Anfängerschritte hinter sich hat, kommt ziemlich schnell das Thema Verzierungen auf. Die Melodie an sich bekommt man schon ganz flüssig hin und jetzt möchte man, dass es doch bitte mal etwas irischer klingen könnte!
Tut's erstmal nicht, vor allem nicht bei uns Autodidakten, die nicht damit aufgewachsen sind. Da kommt unsere eigene musikalische Prägung durch und das klingt erstmal alles wie Hänschen Klein.
Wie machen die das, dass das so blubbert? Knattert? Wummst?
Wie geht das?

Das findet man raus und dann übt man das. Man fokussiert sich sehr stark auf die Fingerbewegung und übersieht, dass Verzierungen in erster Linie Rhythmus sind!
Es gibt Leute, die wackeln bei Verzierungen einfach irgendwie wild mit den Fingern. Die einen, weil sie denken Verzierungen wären genau das: wildes Fingerwackeln. Die anderen, weil sie nur die Bewegungen der Verzierung gelernt haben. Ohne Bezug zum Rhythmus. Und wieder andere haben das alles verstanden, aber können es noch nicht so gut. Passiert oft, wenn die Tunes auf der Session zu schnell werden. (Es gibt zwar kein generelles Tempolimit, aber ein relatives, was sich an Menge, Vorlieben und Können der Mitmusiker ausrichtet. Mehr zu Tempo hier.)

Manche Menschen durchdenken sich die Musik und gehen sehr logisch und analytisch an die Sache ran. Andere spielen mehr aus dem Gefühl.
Ich gehöre zu der ersten Gruppe und einer meiner ersten Flutelehrer auf ner Summer School in Irland hat uns Verzierungen gezeigt. Volles Tempo.
So: Düddellüh!
„Und was machst du da?“
Na so: Düddelüh!
„Kannst du das langsamer?'“
Ne.

Banjo-Größe Gerry O'Connor erzählte in einem Podcast, dass er als Anfänger viel Banjo im Radio gehört hat und versucht hat, das nachzumachen.
Was er nicht wusste: Es gibt verschiedene Banjos und das im Radio waren Five-string Banjos, die ganz anders gespielt werden.
So wäre er zu seinem einzigartigen Stil gekommen hieß es.

Irgendwann hatte ich einen Flutekurs auf dem Tionol auf der Burg Fürsteneck. Bei Nils Nolte. Hammer! So geil erklärt. So gute Übungen! Satter Ton, nach Gehör lernen und dieses Mikrotiming in Verzierungen!
Und die Prophezeiung: Irgendwann werdet ihr mal mit Leuten spielen und merken, dass ihr DAS aneinander anpasst. Und dann wird's geil!
Ich paraphrasiere, aber das war die Botschaft und so isses: Man kann sich so tief in einen gemeinsamen Groove einschießen, dass man die Verzierungen in ihrem rhythmischen Effekt aneinander anpasst! Und dann wird's geil!

Egal, ob man eher der Typ ist: Ich hab's mir logisch auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt
oder: Ich fühle den Rhythmus und wo da was passieren muss – für Alle gilt:
Aufnehmen und anhören! Als Autodidakt muss man sich selbst konstruktives Feedback geben. Ist das, was draußen ankommt, wirklich das, was man zu spielen glaubt?

Denke ich, ich mache da ne coole Verzierung, die den Tune ‚besser‘ macht (mehr Drive, mehr Flow, mehr Energie oder auch mehr Entspannung), oder kicke ich mich selber gerade aus dem Rhythmus?

Letzteres passiert oft, weil man die Verzierung zu schnell spielt! Leute mit gutem Rhythmusgefühl gleichen das wieder aus. Die nächste EINS ist wieder da, wo sie sein soll. In der Gruppe allerdings lässt sich leicht jemand mitreißen mit dem schnelleren Tempo der Verzierung und derjenige ist dann eher auf der nächsten Eins. Und schon treibt man sich gegenseitig weit über das relative Speedlimit der Gruppe.
„Wer treibt denn hier? Ich wollte extra nicht ganz so schnell spielen, damit ich da ein paar Verzierungen einbauen kann!“ (Rest der Session, unisono: „Du!“)

Beispiel Rolls
Rolls sind Standard-Verzierungen, die man relativ früh lernt. Die werden nicht auf allen Instrumenten gleich gespielt, aber oft ist das: Ton-Cut-Ton-Tap-Ton. So macht man das z. b auf Whistle und Flute. Aber:
Der Roll auf Whistle und Flute hat keine FÜNF Töne! Auch wenn man fünf Töne (oder fast-Töne) macht.
Wie ein Erleuchteter Whistle Spieler (Brother Steve) vor vielen Jahren online schrieb: dah-blah-blah beschreibt einen Roll. Die ah sind die gerollte Note. Die bl sind kleine ploppige, knackige Geräusche, die man mit Cuts und Taps macht.
Diese Beschreibung war nicht nur für mich eine Erleuchtung!
(Die berühmte dah-blah-blah Methode!)

Solche Rolls kann man wunderbar in Jigs einbauen. Kesh Jig zum Beispiel. In ABC Format fängt der so an: G3 GAB | A3 ABc
Ein ‚drei Töne langes G‘ am Anfang. Das kann man direkt so spielen als langes G. Oder man spielt G2G.
Oder GGG, was nur auf wenigen Instrumenten gut klingt. Banjo. Fiddle. Auf Flute oder Whistle klingt es furchtbar. Auf Concertina so semi.
Deshalb trennt man auf Whistle, Pipes Flute die drei Töne durch die ploppenden Cuts und Taps. (Fiddle kann das auch. Fiddle hat echt viele Möglichkeiten, was den Anfang nicht leichter macht!)
Ob alle drei Töne gleich lang sind oder ob der erste etwas länger ist, ist Geschmackssache. Auch etwas, mit dem man sich an die Mitspieler anpassen kann.

Bei Reels, die einen Takt mit einem drei-Töne-langen Ton anfangen, ist das sehr ähnlich. Wind that Shakes the Barley: AAAB AFEF
Man kann drei A spielen oder A2A oder ~A3B AFAF. Die Tilde bedeutet: Mach hier das, was du mit deinem Instrument an solchen Stellen machst. Z.B. einen Roll.

Diese Beispiele sind Long Rolls, die auf einer Betonung im Tune starten. Es gibt noch mehr Rolls: Short. Condensend Long. Double Cut. Die sind was für Pipes und Flute und Whistle und für später.
Was man sehr früh sehr gut brauchen kann ist der Offbeat Roll. Das sind dieselben Bewegungen wie in den obigen Beispielen. Der Roll startet aber nicht auf dem Beat. Nicht auf der starken Eins. Da verlieren erstaunlich viele Leute auf verschiedensten Instrumenten den Groove. Kurzzeitig. Wie ein kleiner Schluckauf.
Nehmen wir den Anfang von Silver Spear: FAAA BAFA
Wir haben das gleiche ‚Problem‘ wie bei den Beispielen oben. Als langer Ton A3 geht das gar nicht auf allen Instrumenten zu spielen. Banjo macht ‚Plonk‘ und dann ist Ruhe! Auf den Instrumenten, die das können, verliert sich etwas der Antrieb. Dieses Dampflock-Gefühl.

Die Lösung für Pipes, Flöten, Fiddles ist auch hier der Roll. Die drei A werden mit Cuts und Taps voneinander getrennt. Der Gag ist jetzt die Betonung:
F A A A = 1 & 2 &: Die Eins kriegt ne Betonung und die Zwei auch. Also FAAA
Das mittlere A wird jetzt wichtig! Es muss exakt da sein, wo es hingehört und bekommt eine Betonung. Das muss man gezielt üben. Also die meisten von uns!
Auf die Eins zielen, dann mit den Fingern wackeln und auf die nächste Eins im Tune zielen: Da kommt man jetzt nicht mehr mit durch. Jetzt muss man eine Betonung auf die Zwei setzen. Oder als Mindestanforderung: Man sollte keine Betonung irgendwo zwischen setzen. (Ne falsche gesetzte Betonung ist noch lange keine Synkope und man selber wird damit nicht zu Mike McGoldrick.)

irish trad zwei banjos

Diese Stellen (ein Ton gefolgt von drei gleichen Tönen) rhythmisch passend zu spielen, ist immens wichtig! Das sind oft entscheidende Stellen im Tune! Wie gesagt: Banjo kann einfach drei A spielen und mit dem Picking Pattern durchgrooven. Flute kann einen normalen Long Roll machen, der aber auf 'und' startet und wie das Banjo das mittlere A betont.
Caitlin NicGabhann hat für Concertina einen Bellows Roll, der gutes Rhythmusgefühl verlangt aber keine wahnsinnig gute Fingerkontrolle: Man spielt das erste A, gibt dem Zweiten ohne Absetzen mehr Wumms durch mehr Luft aus dem Balg und dann nimmt man den Finger hoch und setzt ihn wieder auf für das dritte A. Dieses dritte A ist am unscheinbarsten, aber total wichtig!
Man hört manchmal, dass bei der Variante FAAA das zweite und dritte A verbunden werden. Also FAA2. Finde ich nicht so hübsch, aber das ist nicht das Problem. Das Problem entsteht, wenn dieses lange A nicht lang genug ist.

Eine andere Variante für einen Offbeat Roll könnte man so schreiben:
FA (3AAA
FA (1 &) gefolgt von einem Triplet. 3 A in der Zeit von zweien. Banjogeknatter. Auf Concertina kann man hier das A auf der C Reihe und das auf der G Reihe abwechseln. Die Flute kann statt der drei A einen 'condensed Long Roll' machen. Also FA spielen, dann neu ansetzen (glottal Stop und einen Long Roll so schnell spielen, dass er nur so lang ist wie zwei Achtel. Knackig wird jetzt noch wichtiger!)

Das klingt jetzt alles sehr theoretisch und sehr kleinkariert und so, als müsse jeder Ton so exakt sein wie bei einer Midi Datei.
Im Gegenteil! Eigentlich muss jeder Ton exakt NICHT so sein, wie in einer Midi Datei. Nicht so, wie es in den Noten steht.
Würde man die Aufnahmen eines guten Musikers über eine Midi Datei legen, würde man ein Muster erkennen. Der eine spielt die eins etwas vor dem Beat. Der nächste spielt etwas 'punktiert'. Wieder einer spielt die letzten 'und' eines Taktes wie nen Auftakt: PA-Dumm
Das Muster wird immer mal verlassen. Aber es ist nie random! Es ist jeder Ton exakt da, wo er sein soll!

Das kann man sich durchdenken und analysieren. Man kann es aber auch erfühlen. Richtig gute Verzierungen hört man oft gar nicht bewusst. Man merkt nur, dass der Tune plötzlich einen Puls bekommt. Dass er lebt.

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Veröffentlicht von Irina - Juli 31, 2026
Kategorie: Tipps-und-Tricks