Irische Musik lernen - Rhythmusübungen

A painter paints pictures on canvas. But musicians paint their pictures on silence. ~Leopold Stokowski

Irische Musik ist überwiegend Tanzmusik. Die braucht zwingend und zuallerst einen „Rhytmus, bei dem man mit muss“!
Schnell ist sie, die irische Musik! Das fällt jedem sofort auf. Und genau DA tappt der angehende Irish trad Musiker in eine Falle. Tempowahn: „Das muss doch schnell! Auf den CDs und bei Konzerten spielen die doch alle super flott!“ Ja! Aber der Rhythmus darf niemals hinter dem Tempo zurückstehen! Wir lernen die Töne, den Rhythmus und DANN ist erst Tempo dran. Ein gutes Gefühl für den Puls und die metrische Hierarchie (starke vs schwache Beats. Laut Wikipedia „die auf dem (ideellen) Tongewicht beruhenden und vom Taktsystem geordneten Betonungsverhältnisse“).

Mir rutscht ja gerne ein „das war zu schnell“ raus und ich hab mancherorts den Ruf, schnelle Tunes nicht zu mögen. Blödsinn. Klarer ausgedrückt müsste ich sagen: „Ich kann das / Du kannst das in diesem Tempo nicht spielen. Das Wichtigste fehlt - da kommen nur die Töne raus und das klingt einfach nicht gut."
Anders ausgedrückt: „Das Tempo steht dem Rhythmus im Weg!“
altmodisches Metronom Aus einem Webinar mit Jazzpianisten Kenny Werner zum Thema Rhythmus und aus dem Buch Learn Faster, Perform Better: A Musician's Guide to the Art of Practicing von Molly Gabrien (bzw. aus darin zitierten wissenschaftlichen Arbeiten) habe ich ein paar Übungen zusammengestellt, die ich hier teile.

Interessanterweise ist es wirklich so, dass manche Leute manches einfach nicht hören. Das kann man üben und das muss man üben. Verschiedene Aspekte von Rhythmus werden im Gehirn anders und an anderen Stellen verarbeitet.
Jemand kann ansonsten ein guter Musiker sein, aber wirklich nicht hören, ob der Puls stabil ist oder was einen Jig, Slipjig, Slide, Reel, Polka, Hornpipe ausmacht. Auch den Groove der anderen hören und da mit ‚rein fallen‘ ist eine Fähigkeit.
Und das, liebe Leser, lohnt sich zu üben! DA stecken die magic session moments!

Los geht's:
Besonders geeignet, um sich mit den Übungen vertraut zu machen und rauszufinden, welche einem liegen, finde ich olle Kamellen. Also Tunes, die man schon lange kann, schon lange nicht mehr übt und eigentlich nur noch auf Session spielt, wenn jemand sie anfängt. Ich bleib für die Übungen mal bei Reels und da fallen mir ein paar ein, die hier in der Gegend oft weniger rocken als sie könnten: Concertina reel, Joe Cooley's, Dick Gossip's, Father Kelly, Sally Garden's.

Ist-Zustand ermitteln – sich mal aufnehmen:
Auch wer meint, er/sie bräuchte in Sachen Rhythmus nix üben: Sich aufnehmen hilft bei allerlei Entwicklungsschritten! Also: Aufnehmen. Drei, vier, fünf Durchläufe. In einem Tempo, das man gut machbar findet und gerne auch mal langsamer und auf Höchstgeschwindigkeit.
Wie klingt es? Entspannt? Hektisch? Könnte man dazu tanzen? Eiert oder hakelt es irgendwo? Wenn ja, ist das systematisch? Ist es so groovy wie man denkt? (Man muss den Rhythmus gefühlt seeeehr übertreiben, damit man ihn hört!)
Sehr interessant ist auch, die Aufnahmen mal langsamer und schneller zu machen – vor allem gespieltes ‚langsam‘ und ‚Höchstgeschwindigkeit‘ im jeweils anderen Tempo!
Halte ich das Tempo? Wenn man nicht deutlich hörbar anzieht, kann man beispielsweise mit der Stoppuhr messen, wie lange man für den ersten A-Teil braucht und den letzten B-Teil.
8 Takte pro Teil = 16 Beats. Dreisatz: 16 Beats zu gemessenen Sekunden ist wie X Beats zu 60 Sekunden. Also 16 * 60 / Gemessen = gespielte bpm (beats per minute).
Was man oft ganz deutlich hört: Der B-Teil zieht an. Der nächste A-Teil bleibt im neuen Tempo und bei B wird es wieder schneller.

Metronom geradeaus:
Metronom geradeaus ist die erste Übung. Die hilft noch nicht dabei, ein rhythmisches Wesen zu werden, wie Kenny Werner es nennt.
Hier geht es erstmal darum, dass man in gleichbleibendem Tempo spielen kann. Das Metronom gibt den Puls vor. Geradaus. Puls halt. Man könnte darauf genausogut einen Walzer tanzen wie einen Marsch marschieren.
Wenn man einen Reel zählt als 1 und 2 und 3 und 4 und, dann klackt das Metronom auf der 1 und 3. Zählt man 1 2 3 4 1 2 3 4, dann entsprechend auf den Einsen. Zwei Beats pro Takt.
Ob Reels wirklich als 4/4 aufgeschrieben werden sollten und Polkas als 2/4 ist übrigens ein Streitpunkt in der enstprechenden Bubble! Ich glaube, Reels müssten eigentlich 2/2 sein. Oder 2/4? So richtig original aufschreiben kann man irische Tunes eh nicht. Man muss sie mit dem Wissen um die entsprechende Tradition und die Konventionen lesen. Mit Akzent quasi. Ich hoffe, meine obige Erklärung für Reels und Metronom ist praxistauglich. Ich zähle Reels als 1 und 2 und 3 und 4 und. Meistens. Oder BummTschackBummTschack. (Klack des Metronoms auf Bumm).
Also: Metronom als Puls. Tempo wie man mag. Ich mag 90 bpm am Liebsten für viele Reels. Auch auf Aufnahmen von Profis. 100 ist auch gut und fetzig zum Anhören, aber beim Spielen werde ich da schon oft hektisch. (Die bpm weiß ich, weil ich eigene und fremde Aufnahmen gemessen habe. Immer wieder faszinierend, wenn das Tempo der ach so entspannt spielenden Profis sich als total schnell entpuppt. Und Aufnahmen von Normalsterblichen in moderatem Tempo schon hektisch und gestresst klingen!)
Hier geht es aber erstmal nur um den Puls /Tempo halten.
Was gerne passiert ist, dass der B-Teil anzieht. Der nächste A-Teil bleibt in dem neuen Tempo und bei B wird es wieder schneller. Eine Spirale. Ebenfalls häufig: Die schwierigen Stellen sind zu schnell! Anfangs konnte man die nur langsam und deshalb hat man mit den Stellen abgespeichert, Tempo zu machen. Wenn es dann insgesamt nicht mehr hinhaut, ist der automatische Lösungsansatz genau das: Schneller! Dabei ist man schon zu schnell.

Metronom Lückentext:
Wir haben jetzt geübt, den Tune in gleichbleibendem Tempo spielen zu können. Jetzt müssen wir das Metronom wieder loswerden. Klack=Beat (und auch Blink=Beat) wird im Gehirn gekoppelt. Ähnlich wie Noten oder Liedtexte lesen: Wenn man nicht ohne übt, kann man auch nicht ohne! Das Gehirn braucht diesen sensorischen Input, um die Fähigkeit abzurufen. Mit Metronom als Puls üben, bis man im Tempo bleiben kann und es dann ausschalten, ist wie einen neuen Tune vom Blatt spielen und das dann weglegen. Manche können das sofort… haben den Tune schnell verinnerlicht. Andere müssen das Stück für Stück lernen (auch beim Lernen nach Gehör).
Diese (und die anderen Übungen) kann man auch erstmal ohne Instrument machen und den Tune singen/summen.
Um das Metronom wieder loszuwerden, ohne den Puls wieder zu verlieren, baut man sich Lücken in den Puls. Mit einem traditionellen mechanischen Metronom und Metronom Apps kann man einfach das Tempo runternehmen - beispielsweise halbieren - und dann mit einem Klick pro Takt spielen. Oder mit einem Klick alle zwei, drei Takte. Ich finde es schwierig, nach einer langen Pause genau zu hören, ob ich auf dem Klick bin. Entweder kommt es überraschend („Huch! War das jetzt wirklich genau drauf?“) oder es wird ein vorhersehbares Muster und ich warte vielleicht mit dem Ton auf den Klick. Mit meiner Metronom App kann man allerlei lustige Sachen machen.

Unter anderem auch Lücken im Puls. Z.B so:

Ich hab von /über einen Fiddler in Irland gehört, dass sein Vater da sehr streng war mit ihm und dem Bruder. Die wurden mit der Geige vors Haus gestellt, mussten losspielen (gemeinsam) und dann in entgegengesetzte Richtung ums Haus laufen. Wenn sie beim Aufeinandertreffen nicht mehr im Takt waren miteinander, gab es Ärger. Ähnliches Prinzip! Und: Laufen hilft! Nicht nur beim Puls sondern auch beim Rhythmus – dazu kommen wir später.

Metronom Offbeat:
Macht man sich die Aufnahmen von guten Musikern langsamer, dann hört man deutlich, dass jeder Ton genau da ist, wo er hingehört. Und zwar nicht wie bei einer Mididatei alles gleich sondern mit Groove / Swing, Mikrotiming. Rhythmus eben. Manche Töne lauter und/oder länger. In dem ersten Artikel der Serie habe ich ein Video von Enda Scahill verlinkt in dem man gut hört, dass er den Groove vor allem mit der Tonlänge macht. Flutespieler machen das eher mit der Lautstärke. Sehr krass die in Belfast. Wie Harry Bradley. Da braucht man ein gut trainiertes Zwerchfell!

Wieder andere machen den Rhyhtmus überwiegend durch geschickt eingesetzte Verzierungen.
Egal wie: Es muss jeder Ton dahin, wo er hingehört. Nicht den ersten Ton schön auf dem Puls und dann hakelig zum nächsten Beat stolpern!
Manchmal fällt mir im Zusammenspiel auf, dass Musiker zwar ein gutes Gefühl für den Takt haben, aber ihre Rolls und Triplets nicht rhythmisch spielen. Whistler und Flutespieler lernen oft Rolls, indem sie lernen, welche Finger wie bewegt werden. Das wird geübt, bis es flüssig und vor allem schnell geht. Aber in sich ist es noch lange nicht stimmig. Man spielt das ja nicht, weil einem langweilig wird, sondern weil es Rhythmus bringt. Da ist es ungünstig, wenn die Finger einfach nur schnell wackeln. Wenn man zu früh fertig ist nutzt es auch nichts, mit dem nächsten Ton zu warten. Dann ist man selber zwar in sich stimmig, aber ein Mitspieler wird verleitet, bei dem Roll ebenfalls anzuziehen. Und dann wird automatisch der nächste Ton direkt danach gespielt. Wie man das halt so macht…
„Du treibst!“ „Nein! DU treibst!“ Ebenfalls verlockend für solches Geeier sind lange Töne, die nicht lang genug gespielt werden. Gerne am Ende einer Phrase, eines Teils.
Dagegen (und FÜR guten Rhythmus) hilft, das Metronom nicht auf dem Beat klacken zu lassen. Statt Klack und 2 und Klack und 4 und also 1 und Klack und 3 und Klack und.

Ich kann mit ‚offbeat-Metronom‘ lange nichts so schnell spielen wie mit Onbeat. Interessanterweise falle ich beim kleinsten Stolpern ‚auf den Beat‘. Ich muss dann anhalten und neu starten. Was ebenfalls nicht einfach ist.
Ein Trick für den Start: Auf den Klack „Tschack” sagen. „Tschack, Tschack, Tschack,...“
Dann zwischen die Tschacks ein Bumm einbauen. „Bumm Tschack“. Bumm ist der Beat.
Wenn man sich das ‚in den Körper legen‘ möchte bietet sich an, auf Bumm zu tappen und auf Tschack mit den Schultern zu zucken oder zu nicken.

Fußtappen: Fußtappen ist total hilfreich. Aber: Wenn alle mit dem Fuß tappen, kann es schnell nerven. Der eine hat die Eins da, wo er die Muskeln anspannt zum Fuß heben, der nächste spielt die Eins, nachdem die Schuhsohle den Boden berührt hat. Ein anderer tappt den offbeat, wieder ein anderer tappt doppelt. Ebenfalls vor, hinter oder auf dem Beat. Das gibt schnell ein wildes Getrappel… Tipp 1 zum Fußtappen hat Jan vor Jahren von nem Bodhrán-Workshop mitgebracht: Mit dem großen Zeh im Schuh tappen. Von mir übersetzt heißt das: Die Bodhán macht den Rhythmus - geh den Leuten nicht noch mit Fußgetrappel auf den Sack.

Und ja: Fußtappen kann auch Rhythmus beisteuern. Ganz grandios in Quebec in Kanada, aber das ist eine Kunst und man spielt quasi zwei Instrumente gleichzeitig. Wild trappeln ist was anderes.

Tipp 2: halb, doppelt und offbeat tappen in Reels ausprobieren
Wenn man einen Reel „zählt“ als 1&2&3&4&, dann tappen die meisten Leute auf der 1 und der 3. (Oder davor oder dahinter). Manche tappen auf allen Zahlen. Mit einem Fuß oder mit beiden abwechselnd. Das ist für mich „doppelt tappen“ und ich habe das — mit abwechselnden Füßen — genutzt, um „Spielen auf dem Offbeat“ zu lernen. Weil ich gar nicht sicher war, wo der eigentlich ist. EINS (links) und ZWEI (rechts) und DREI (links) und VIER (rechts). Das war zum Üben zu Hause in ganz langsam. Beim Spielen liegt der Offbeat dann später auf einer anderen Körperbewegung. Das machen Viele und es ist witzig zu beobachten: Wenn ein Tune sehr deutlich auf dem Offbeat gespielt wird, zucken sie da ganz komisch.
Ich hatte mal einen Workshop mit Sarah-Jane Woods, die ziemlich kanadisch getappt hat. Ein Fuß vorne und hinten abwechselnd auf Beat und Offbeat, der andere auf dem Beat. Sehr cool. Sie erzählte, dass sie ohne Tappen nicht spielen kann. Ihre Kumpels haben das mal ausprobiert und ihre Füße festgehalten: Ging nicht.
Was ich bei normalsterblichen Musikern beobachte: Doppelt tappen mit einem Fuß macht die Musik hektisch. Als ob sie auf der Flucht sind und dabei auch noch mehr stolpern als rennen.

WIE man tappt, beeinflusst den Swing. Also: Ausprobieren: Wie fühlt es sich an? Und Aufnehmen! Wie hört es sich an? Mit welchem Tappen bekommt man das Gefühl UND den Sound, den man gerne hätte?

"The strength of this metrical coding in tapping force is correlated with the individual's ability to accurately perceive the rhythm, suggesting that the motor output reflects the perceptual organization."
Sinngemäß: Das Metrum (der Rhytmus) wird durch die Wucht des Tappens kodiert und das korreliert mit der Fähigkeit des Einzelnen, den Rhythmus genau wahrzunehmen, was darauf hindeutet, dass die motorische Umsetzung die Wahrnehmung widerspiegelt. Also: Wer den Rhythmus gut hört, der tappt entsprechend.
[Benedetto et.al. Tapping force encodes metrical aspects of rhythm. Frontiers in Human Neuroscience 15 (2021): 633956)

Das funktioniert auch andersrum! Tappe ich entspannt, dann spiele ich auch entspannt! Da lohnt es, sich ein Video von sich selbst anzugucken!

Tipp 3: halb, doppelt und offbeat tappen in anderen Tunes ausprobieren
Slides z.B. klingen slidiger, wenn ich ‚halb‘ tappe. Ein Takt Slide wird Bumba Tschaka Bumba Tschaka. Eher wie ne Hornpipe. NICHT wie ein schneller Jig. Die meistens Slides haben viele lang-kurz Notengruppen und wenn es mal drei Noten pro Gruppe sind, sind die ungefähhr gleich lang. Der Jig ist Jesus and Mary. Oder Düsseldorf-Halberstadt . Düs und Hal sind länger, dorf und stadt mittel und sel und ber sind kurz.

Manchen Leuten hilft es, wenn man das mal so auseinanderdröselt…
Was jedem hilft: Mitspielen, mitschunkeln, -zucken, -tappen!

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Veröffentlicht von Irina - August 22, 2025
Kategorie: Tipps-und-Tricks