Irische Musik lernen - Hilfsmittel von A(pp) bis Z(ettel)

Man kann ruhig dumm sein, man muss sich nur zu helfen wissen. Omi

Es war gewagt, die Beiträge mit Zitaten zu beginnen… zu diesem Thema haben nicht viele irische Musiker was gesagt. Die Musik muss man im Kopf haben (oder im Herzen oder den Fingern oder sonstewo in einem drin), den Groove muss man spüren und dann muss man nur noch spielen! Sowas in der Art hört oder liest man öfter. Aber da muss man erstmal hinkommen… Bei vielen guten Musikern aus Irland hat man das Gefühl, die haben das als Kind einfach aufgesaugt – Osmose quasi – und nun lassen sie es halt raus.
Aber tatsächlich waren viele von denen als Kinder und Jugendliche beinahe besessen. War ein Instrument in der Nähe, wurde geklimpert, gefietscht, gepiepst. Mehr Tunes, mehr Triplets, mehr Rolls,… Als Kind lernt man anders und ich habe schon öfter von irischen MusiklehrerInnen gehört, dass man Erwachsene im Gegensatz zu Kindern unterrichten muss.
Als ich angefangen habe auf Workshops zu gehen, fand ich diese irische Unterrichtsmethode sehr seltsam! Die irischen Lehrer haben einem Tunes gegeben. Nach Gehör. Phrasenweise. Das war's! „Wie machst Du das?“ (Verzierung) „So!“ (Finger wackeln) „Hä?“ „Na so!“ (nochmal wackeln) „Kannst Du das langsam vormachen?“ „Ne!“
Kindern kann man die Musik einfach geben. Erwachsene muss man unterrichten. Mittlerweile gibt es viele wirklich gute Irish Trad Lehrer, die auch super auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen können. Lernen muss man's aber selber. Und dazu kann man Hilfsmittel nutzen.

Schreibs Dir auf
Kennt man noch aus der Schule: Aufschreiben hilft. Nicht nur, weil man es nachgucken kann sondern auch, weil der Akt des „mit der Hand Aufschreibens“ die Information nochmal anderswo ins Gehirn bastelt. Je mehr Speicherorte, desto sicherer ist die Information aufbewahrt und desto besser kann man sie in verschiedenen Situationen abrufen.
Prä-Smartphone habe ich, wenn ich anderswo war, im Internet nach Sessions dort geguckt. Meist habe ich jemanden angeschrieben, dann hab ich auf Google maps geguckt, wo die Kneipe ist und mir den Stadtplanteil ausgedruckt. Auf diesem Zettel habe ich dann vor Ort weitere Pubs notiert und Namen von Tunes. Alle Jubeljahre habe ich die Flötentaschen entmistet und wenn ich mehrere Zettel mit demselben Tunenamen gefunden habe, habe ich den Tune gelernt.

Andere sind organisierter und schreiben auch mehr auf. Die haben Büchlein, in die sie total strukturiert Zeug eintragen. Wer spielt was auf welcher Session in welchen Sets, Tunes als ABC oder Noten, …

irish trad tunes

Wieder andere sind vollkommen unorganisiert und richtig gut darin! Die wissen gar nicht, was sie spielen können. Die können aber vieles spielen. In welcher Tonart das üblicherweise ist, wissen sie nicht. Sie spielen es halt in irgendeiner. Kütt wie et kütt. Auf Wunsch können sie es auch nen Halbton verschieben. Oder ne Quinte…

Wer Zettel oder Karteikarten nutzt, kann damit auch üben, Tunes „aus der Kalten“ zu spielen und man kann spaßeshalber Tunes per Zufallsprinzip in Sets packen. Für diese Zufalls-Sets gibt es auch eine App, die ich empfehlen kann:

RandTune – Set-Generator und Übungstool
Ursprünglich und hauptsächlich gemacht als Zufallsgenerator für Sets. Man trägt Tunes ein mit Namen, Typ, Tonart (ich schreibe x wenn ich es nicht weiß), ABC (leider nur 10 Stellen möglich), Kommentar, zuletzt gespielt.
Man kann verschiedene Listen erstellen und dann aus den Listen dreier-Sets würfeln lassen. Mir macht das Spaß und es hilft, wenn man Übungszeit hat, aber planlos ist!

randTune Set-Generator

Ab und an kommt da ein Tune, den man völlig vergessen hat! Damit das nicht so oft passiert, habe ich mir von den Entwicklern eine Funktion gewünscht, die sie auch umgesetzt haben! Woohoo! Vielen, vielen Dank!
Man kann jetzt in der Würfelansicht angeben, dass man den Tune heute gespielt hat oder unter Tune bearbeiten ein Datum eintragen.
Mit dieser Information kann man dann seine Tuneliste sortieren oder die Würfeleinstellungen konfigurieren. Das bedeutet, man kann sich gezielt die Tunes anzeigen lassen, die man lange nicht gespielt/geübt hat.

randtune Funktionen mit zuletzt gespielt Daten

Man kann in der App auch mehrere Listen verwalten und dazu jeweils eine Wunschliste, man kann eine .csv Datei importieren und vermutlich auch andere Sachen, die ich noch nicht entdeckt habe oder nicht nutze und an die ich deshalb jetzt nicht denke. Empfehlenswerte App!

Music Speed Changer
Meine Standard Musik-Abspiel-App. Ich kann a) Tempo ändern zum Raushören (und bei eigenen Aufnahmen auch mal zum schneller machen: Klingt es dann hektisch?), b) Loops abspielen und c) die Tonhöhe ändern (Mícheál Ó Raghallaigh's alte Heilsarmee Concertina liegt ungefähr 3,5 Halbtöne neben meiner modernen C/G. Mit der App kann ich das ausgleichen und das Tempo etwas runterdrehen. Dann Schleife legen, Kopfhörer aufsetzten und mitspielen. Super Sache! Music Speed Changer App

Aufnahme Apps Meine heißt Hi-Q und war umsonst. Braucht man. Muss ich nicht erklären. Nehmt Euch auf! Immer wieder. Wie gefällt Euch Euer Rhythmus? „Von Innen“ klingt das oft super rhythmisch. Richtig irisch! Nyah! Abgespielt „von Außen“ ist es dann doch eher wie preußische Marschmusik in der Kindermusikschule kurz vor der Pause, bis zu der alle fertig sein wollen mit der Musik.
Spielt Reels mal völlig übertrieben auf dem Backbeat, Jigs mit ner Betonung auf der Drei, spielt Phrasen mit Verzierungen besonders langsam und besonders schnell und dreht das Tempo dann mit der anderen App um. Als Autodidakt muss man selber erkennen, was noch zu lernen ist. „Mehr Tunes“ ist es meist nicht…
Oh und Videoaufnahmen sind auch hilfreich!

Webseiten: irishtune.info und thesession.org
Die sind sicher bekannt, aber der Vollständigkeit halber: irish tune info hat – wie der Name sagt – viele Informationen über Tunes. Statistiken (Auch Nerd-Zeug wie ‚rhythm popularity by mode‘), Aufnahmen, in die man reinhören kann, tips for learning irish traditional music(die unbedingt empfehlenswert sind!) und die Funktion, das eigene Tunebuch als Übungstool zu nutzen, in dem man vermerkt, was man wann geübt hat und dann entsprechend erinnert wird.
Nachteil: Keine mobile Ansicht, nur irische Tunes (was eigentlich super ist – darum geht es ja. Aber in einem Übungstool hätte ich auch gerne meine schottischen oder kanadischen Tunes).
Die gibt es auf thesession.org. Auch in einer mobilen Ansicht. Hier sind die Tunes aber nicht kuratiert. Einfach die erste Version eines Tunes von thesession zu lernen, ist desöfteren keine gute Idee! Nach Gehör lernen und schwierige Stellen nachgucken funktioniert aber gut. Wenn man die schwierigen Stellen eben nicht nach Gehör hinbekommt, dann erkennt man zumindest wieder, ob diese oder jene Notenversion passt.
Ich nutze thesession.org vor allem für die Tuneliste. Ich habe da nur Tunes drin, die ich wirklich spiele. Wunschtunes sind gebookmarked. Zweiter wichtiger Nutzen: Sessions ‚anderswo‘ finden. Und die Diskussionen sind auch oft spannend!

tunefinder Apps wie Folkfriend und Tunepal
FolkFriend ist ein Ersatz für Tunepal. Man kann Tunes hineinspielen und die App sagt, was es ist. Ich mache das mittlerweile wieder altmodischer. Auf einer Session warte ich einfach, bis das Set vorbei ist und frage. Oder ich nehme den Tune auf und a) lerne ihn einfach, b) lerne ein Stück und gebe das als ABC bei thesession.org ein oder c) schicke die Aufnahme einem meiner echten Tunepals. Prä-Smartphone haben wir uns ja auch mitten in der Nacht auf dem Festnetzt angerufen und haben auf der Whistle Tunefragmente in den Hörer gepiepst.

Stimmgerät – tuner apps
Ich bin froh, dass ich das mit der Concertina nicht mehr brauche. Es hat mich übellaunig gemacht, wenn App-Entwickler einfach regelmäßig das Design ändern. Völlig grundlos. Nix ist neu. Sieht nur anders aus! Und nie schöner! Arrrg!
Stimmgeräte-Tipp für Flutespieler: Auf G stimmen. Dazu erst ein schönes G spielen, dann gucken! NICHT erst gucken, automatisch mit dem Ansatz korrigieren und sich dann fragen, wer denn wohl so schief spielt.

Metronom Apps
Ich bin ja sicher, dass mein altes Metronom nicht mehr rund läuft. Das ist früher oder später woanders als ich. Kann ja nur an dem Ding liegen! Metronom
Ich habe hier schon mal eine Metronomapp vorgestellt, mit der man viel machen kann
Ein Tipp für alle Apps und alle Musiker: Reels mit dem Klack auf dem Backbeat üben! Ich kann das nur in relativ langsamen Tempo, aber finde es super hilfreich. So finde ich die Stellen, an denen ich stolper. Das sind fast immer Stellen, an denen ein längerer Ton eine Winzigkeit zu kurz ist. Wenn mir das nicht mehr passiert oder wenn ich solche Stellen richtig korrigiere, DANN kann ich den Tune. (Richtig korrigieren = sobald es nicht mehr hinhaut, irgendwo anders diese Milisekunde vertrödeln oder auch den Rest der Phrase weglassen und in der nächsten richtig einsetzen. Falsch korrigieren = nach vorne stolpern. Zack ist der Klack auf dem Downbeat und man weiß gar nicht warum.
Die groben Schnitzer findet man auch mit dem Metronom auf dem Downbeat, aber wenn der Roll nicht richtig rollt und man Noten nicht ihren Wert gönnt, dann wird es hektisch.
Den Tipp mit dem Klack auf dem Offbeat habe ich von Dr Molly Gebrian, die ein tolles Buch geschrieben hat und einen sehr informativen youtube kanal betreibt. Hier eines ihrer Videos:

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Veröffentlicht von Irina - Januar 26, 2026