22 Jahre Irish Trad Session in Dresden

Tir na nÓg, Schmiede, Reisekneipe, wieder Tir na nÓg, Shamrock, beinahe Exitus durch Corona, Jamulus, Haus-Sessions – und jetzt im Friebitz: Unsere Session hat viel erlebt!
Eines ist immer gleich geblieben: der Fokus auf Tunes, Zusammenspiel und den Groove, der unsere Sessions ausmacht.

Spannend ist die Frage, wie wir unsere Erfahrung nutzen, um diese neue alte Session im Friebitz offen zu gestalten, ohne den Charakter der Session unfreiwillig zu verlieren.

Zurück zum Anfang

2004 im Tir na nÓg habe ich Stefan und Geralf kennengelernt. Und Stefan kannte Conny. Ich kannte Jan und Sirko. Jan und ich kannten Phoebe, die etwas später dazu kam.

Ein paar von uns haben schon irische Musik gemacht. Andere haben sich ein Instrument gekauft und gelernt.
Am Anfang waren wir Teil der offenen Sonntagssession – offen für jegliche handgemachte Musik. Auch für Diddly. (Oder Diddley, wenn man bei der Whisky-/ Whiskey-Schreibweise bleiben will.)

Damals hatte noch niemand von uns eine Digitalkamera und dementsprechend ist die Bildlage recht dünn.

Aber: Einer von uns meinte, wir könnten doch auch eine Band gründen – und die Mehrheit war überraschend dafür.
So landeten wir im Sommer 2004 in Rietschens Kulturscheune zum Proben.
Sechs Musiker beim Proben waren der Lausitzer Rundschau tatsächlich einen Artikel wert. Mit Bild!

So sahen wir damals aus:
(von links: Sirko, Irina, Suse, Jan, Stefan, Geralf)

Flowingtide 2004

Für das Bild sollten wir unbedingt wirklich spielen. Und dabei lachen.
Pfff. In dem Punkt waren wir schon echte Trad-Musiker: Gelacht wird nach innen! Wir sind schließlich nicht André Rieu oder Florian Silbereisen, die gestelzt lachend die Irish Washerwoman foltern.¹

Laut Artikel waren wir da noch Teil der Sonntagssession. Kurz darauf hatten wir unsere erste eigene Irish Trad Session an jedem zweiten Dienstag.
Aus der Zeit stammt vermutlich auch dieses Papierfoto, für das wir super kreativ waren – wir haben zu Hause das Sofa vor die Tür gestellt! Sirko, Irina, Geralf, Jan, Stefan, Conny

Flowingtide in Ullerdorf


Nach dem Tir na nÓg gab es verschiedene Locations – die beste war die Reisekneipe in der Dresdner Neustadt. (Die wurde leider verkauft und ziemlich anders wiedereröffnet.)
Ab jetzt gibt es auch Bilder und Videos.

Die Idee mit der Band rückte ein paar Jahre nach unserer CD ('When Summer Was at Hand') zugunsten von Sessions immer mehr in den Hintergrund. Es macht auch einfach viel mehr Spaß, so zwanglos mit und für andere Musiker zu spielen.

Es kamen Leute dazu oder gingen, manche waren nur „auf der Durchreise”. Aber das hier war schon früh die Stammbesetzung (Reisekneipe 2007):
Stefan, Phoebe, Sirko, Jan, Irina, Conny Flowingtide Reisekneipe

Weihnachten in der Reisekneipe:
Phoebe, Stefan, Brendan, Alan Weihnachten in der Reisekneipe

Leider nicht mehr bei uns: Sven Sven Fischer

Manchmal denkt man, man lacht beim Spielen, aber von außen merkt man das gar nicht so…
Alan, Jan Flowingtide Reisekneipe

Deutlich jünger (das Bild, nicht wir – wir sind nur geschminkt), von einer privaten Halloween-Session ist dieses hübsche Bild:
Irina, Steffen, Conny Flowingtide zu Halloween


2020 kam Corona. Wie alle Sessions hat es auch unsere hart getroffen. Wir haben versucht, online in Kontakt zu bleiben. Hier über Zoom. Da kann immer nur einer sein Mikro aktiv haben und die anderen müssen stumm mitspielen.

online Session

Eine bessere Lösung war Jamulus.
Über Jamulus konnte man in Echtzeit mit anderen Leuten spielen. Je nach Entfernung zum Server, Internetgeschwindigkeit und technischem Schnickedischnickschnack hatte man eine Verzögerung. Im besten Fall war die so gering, wie an einer langen Tafel bei einer großen Session.
Das war kein Ersatz, aber durchaus spaßig und sehr lehrreich! Im Gegensatz zu einer echten Session neigt eine Jamulus Session zum langsamer werden und das schult den eigenen Rhythmus und das Zusammenspiel mal auf andere Art.
Im Pyjama mal kurz in eine Session in London reinhören oder von den Kielern eine Hornpipe lernen: Blöd ist das nicht!
Auf der Session üben geht auch – ohne schlechtes Gewissen – wenn man sich stumm schaltet.
Dadurch, dass da so viele Leute auf richtig vielen Servern unterwegs waren (weit mehr als nur Irish trad), hat man auch viele Beobachtungen zu Session Etiquette machen können. Außerhalb der eigenen Bubble.
(Andere stummschalten kann man auch bei Jamulus…)

Nach einem vielversprechenden Neustart (wir waren mittlerweile im Shamrock) kam dann die niederschmetternde Diagnose: Long COVID – in Form von endlosen nachgeholten Fußballübertragungen auf Großbildschirmen.
Also: private Sessions.
Hat auch was. Alle zwei Wochen gutes Essen und Tunes mit Freunden.
Gartensession:
Josie, Phoebe, Pat

Gartensession

Ab und an Ausflüge: nach Leipzig, Halle, Prag und natürlich Irland.

Und seit letztem Jahr hat die Session endlich eine neue Heimat im Friebitz – einmal im Monat, am dritten Freitag. Yay!!


In Dresden gibt es inzwischen mehrere Sessions, auf denen (auch oder ausschließlich) irische Musik gespielt wird. Jede hat eine etwas andere Ausrichtung.

Im Friebitz halten wir es bewusst klein und old school:
Tunes und Gemeinschaft stehen im Mittelpunkt. Entspannt, mit Groove und echtem Zusammenspiel.

Wir möchten auch hier wieder eine offene Irish Trad Session: Wer irische traditionelle Musik spielt, ist willkommen – ob Anfänger, alter Hase oder irgendwo dazwischen.
Aber in 22 Jahren sammelt man Erfahrungen! Eine davon: Es wird schwierig, wenn neue Leute dazukommen und Erwartungen nicht geklärt sind. Das endet oft damit, dass jemand unglücklich ist.

Wir wollen trotzdem eine offene Session! Unsere Lösung: offen, aber mit Türsteher.

In unserem Fall ist das Phoebe als Session-Host. Sie kümmert sich um die Absprachen mit der Kneipe – und spricht vorab mit interessierten Musikern, damit die Vorstellungen zusammen passen.


Vielleicht erleichtert es Session-Neulingen auch den Einstieg, wenn sie schon einmal mit einer der Musikerinnen gesprochen haben.
Eine gewachsene Session wirkt von außen ja leicht wie ein geschlossener Kreis hochnäsiger Eingeweihter!

Wir können problemlos stundenlang spielen, ohne auch nur einmal abzusprechen, was als Nächstes kommt – und jedes Mal ist es anders.
Genau das ist Teil der Magie, kann für Einsteiger aber wirken, als gäbe es geheime Absprachen, von denen sie ausgeschlossen sind.

Auch für Quereinsteiger aus anderen Musikstilen ist das nicht leicht. Klar möchte man zeigen, was man kann.
Als Neuling auf einer Session wird man aufgefordert, etwas zu spielen. Das darf zum Kennenlernen auch mal etwas aus einem anderen Genre sein. Aber das heißt nicht, dass der ganze Abend so weitergeht oder dass man sich auf jeder Session die Zeit für „Fremd-Genre-Solos“ einfordern sollte.

Den Schachspielern im Park drückt man auch keine Partie „Fang den Hut“ auf, weil man mitspielen will, aber kein Schach kann.
Das ist ein bisschen wie früher auf dem Spielplatz: Man fragt, ob man MITmachen darf – und kommt nicht rein mit: „So, Schluss mit Sandburgen, jetzt wird geboxt!“


Ich wollte eigentlich nicht schreiben, was wir NICHT wollen…
Auf thesession.org gibt es eine uralte Diskussion dazu, in der jemand aus Schottland erzählt, sie hätten Regeln aufgeschrieben – und trotzdem schlechte Erfahrungen gemacht, woraufhin die Regeln ergänzt wurden. Bis sie einen fetten Ordner mit Regeln hatten!

  • Keine schnurrbärtigen Tubaspieler an einem Mittwoch!

Randnotiz: Ich war mal auf einer Trad Session mit Tuba – in Irland. Der Tubaspieler war ein Deutscher und ganz verzückt darüber, wie viel Freude er den Iren mit seiner Tuba gemacht hat. Die ersten fünf Minuten war es auch wirklich witzig!
Uns Deutschen sagt man ja nach, sehr direkt zu sein und klare Ansagen zu machen. Ungeschminkte Wahrheit und so. Die Iren können das nicht. Null. Wäre er jede Woche wiedergekommen, hätten die Musiker sich eine andere Kneipe gesucht und ihm nicht Bescheid gesagt.

Seelig sind in so einem Fall die Empathiebefreiten und Zwischen-den-Zeilen-Legastheniker, die gar nicht merken, dass es mit ihnen zu tun hat. Schade ist es um die Verbindungen, die gut hätten klappen können.

Deshalb unser Versuch mit Ansprechpartner im persönlichen Kontakt.


Was für mich ein wichtiger Teil des Miteinanders ist:
Auf unserer Session ist zwischen den Sets auch Zeit für Gespräche. Oder einfach mal Stille!
Manchmal laufen die Tunes Schlag auf Schlag – wenn es gut läuft, fühlt sich das nicht nach Stress an, sondern nach Flow. Nicht nach Wettbewerb darum, wer als Nächstes unbedingt sein eigenes Set startet!

Und manchmal, ganz selten… ist nach dem Set Stille, weil es einfach keine Worte gibt.
Weil alle das Gefühl haben, „die Musik“ hat diesen magischen Umhang ausgebreitet und die Musiker in ihre Welt entführt. Dann kann es sogar vorkommen, dass wir weggetreten grinsen!

Ihr seid herzlich eingeladen, dabei zu sein!
Als Zuhörer einfach an einem dritten Freitag im Monat im Friebitz aufschlagen.
Als Musiker könnt ihr uns ganz einfach über das Kontaktformular erreichen.

¹link zu youtube auf eigene Gefahr

Veröffentlicht von Irina - April 9, 2026